
Dyskalkulie: Rechenschwäche erkennen und richtig fördern

7 Min. Lesezeit
Was ist Dyskalkulie eigentlich?
Dyskalkulie – auch als Rechenschwäche oder Rechenstörung bekannt – ist eine neurobiologische Lernstörung, die das Verständnis für Zahlen und mathematische Zusammenhänge beeinträchtigt. Etwa 5 bis 8 Prozent der Kinder und Jugendlichen in der Schweiz sind davon betroffen. Wichtig zu wissen: Dyskalkulie hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Betroffene Kinder haben normale bis überdurchschnittliche kognitive Fähigkeiten, kämpfen jedoch spezifisch mit mathematischen Konzepten.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifiziert Dyskalkulie im ICD-10 unter dem Code F81.2 als umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten.
Symptome: Wie erkenne ich eine Rechenschwäche?
Die Anzeichen einer Dyskalkulie zeigen sich meist bereits in der Primarschule. Hier sind die häufigsten Symptome:
Probleme mit dem Zahlverständnis
- Schwierigkeiten beim Abzählen und Erfassen von Mengen
- Probleme beim Zuordnen von Zahlensymbolen (z.B. verwechseln von 6 und 9)
- Mangelndes Verständnis für Zahlenbeziehungen und den Zahlenraum
Schwierigkeiten bei Grundrechenarten
- Addition und Subtraktion bereiten Mühe, besonders mit Zehnerübergängen
- Das Einmaleins wird nicht automatisiert
- Zählendes Rechnen mit Fingern auch bei einfachen Aufgaben
- Verwechslung von Rechenoperationen
Weitere typische Merkmale
- Textaufgaben werden nicht verstanden
- Schriftliches Rechnen fällt extrem schwer
- Grosse Unsicherheit beim Umgang mit Zeit, Geld und Masseinheiten
- Vermeidungsverhalten und Matheangst entwickeln sich
Psychische Belastung
Viele betroffene Kinder entwickeln im Laufe der Zeit Schulangst, Vermeidungsstrategien und ein geringes Selbstwertgefühl. Sie fühlen sich oft „dumm", obwohl ihre Schwierigkeiten neurologisch bedingt sind.
Ursachen: Warum entwickelt sich eine Dyskalkulie?
Die Entstehung von Dyskalkulie ist multifaktoriell. Forschungen zeigen mehrere Ursachen:
- Genetische Faktoren: Familiäre Häufung ist nachgewiesen – das Risiko ist 5- bis 10-fach erhöht, wenn Geschwister betroffen sind
- Neurologische Besonderheiten: Bestimmte Gehirnareale, die für die Zahlenverarbeitung zuständig sind, funktionieren anders
- Probleme im Arbeitsgedächtnis: Schwierigkeiten bei der Speicherung und Verarbeitung mathematischer Informationen
Diagnose: Wie wird Dyskalkulie festgestellt?
Eine professionelle Abklärung ist entscheidend und sollte durch Fachpersonen erfolgen. In der Schweiz bieten verschiedene Stellen Diagnostik an:
Anlaufstellen in der Schweiz
- Kinderspital Zürich: Zentrum für MR-Forschung mit kostenloser Dyskalkulie-Abklärung
- Sozialpädiatrische Zentren (SPZ)
- Kinder- und Jugendpsychiatrie
- Schulpsychologische Dienste
Der Diagnoseprozess umfasst
- Psychometrische Testdiagnostik zur Erfassung der Rechenleistung
- Intelligenzdiagnostik (um andere Ursachen auszuschliessen)
- Vergleich der Rechenleistung mit dem Altersdurchschnitt
- Berücksichtigung des individuellen kognitiven Profils
Die Diagnose sollte frühzeitig erfolgen – idealerweise ab Ende der ersten Klasse, wenn sich erste Schwierigkeiten zeigen.
Förderung und Therapie: So können Sie Ihr Kind unterstützen
Die gute Nachricht: Mit gezielter Förderung können Kinder ihre Schwierigkeiten überwinden und mathematische Kompetenzen aufbauen.
Integrative Lerntherapie
Der Goldstandard in der Dyskalkulie-Förderung ist die integrative Lerntherapie:
- Einzelsitzungen von mindestens 45 Minuten
- Ansatz an mathematischen Basisfähigkeiten (Mengen, Zahlen, Operationsverständnis)
- Ganzheitlicher Ansatz mit Einbeziehung aller Sinne
- Dauer: etwa 2 Jahre für eine Angleichung an den Klassenschnitt
Wichtige Grundprinzipien
- Frühe Intervention ist entscheidend für den Erfolg
- Multisensorisches Lernen mit konkretem Material
- Positive Verstärkung statt Druck
- Individuelle Lernstrategien entwickeln
- Emotionale Unterstützung zur Stärkung des Selbstvertrauens
Unterstützung in der Schule
In der Schweiz haben Kinder mit Dyskalkulie Anspruch auf Nachteilsausgleich:
- Zeitzuschlag bei Tests (bis zu 50%)
- Einsatz von Hilfsmitteln
- Angepasste Aufgabenformate
- Individuelle Lernzielanpassungen
Die rechtlichen Grundlagen dafür finden sich im Schweizer Bildungswesen und müssen mit der Schulleitung abgestimmt werden.
Praktische Tipps für den Alltag
Zu Hause unterstützen
- Spielerisches Üben mit Würfelspielen, Rechenspielen und Alltagssituationen
- Mathematik im Alltag integrieren (Einkaufen, Kochen, Zeit messen)
- Geduld zeigen und kleine Fortschritte feiern
- Druck vermeiden – Freude am Üben fördern
Zusammenarbeit ist wichtig
Der Erfolg hängt von der Zusammenarbeit zwischen Eltern, Lehrpersonen und Therapeuten ab. Regelmässiger Austausch und abgestimmte Fördermassnahmen sind entscheidend.
Häufig gestellte Fragen
Kann Dyskalkulie geheilt werden? Dyskalkulie ist keine Krankheit, die „geheilt" werden kann. Aber mit gezielter Förderung können Kinder mathematische Kompetenzen aufbauen und im Alltag gut zurechtkommen.
Haben Kinder mit Dyskalkulie auch Probleme mit Legasthenie? Etwa 30 bis 70 Prozent der Kinder mit Dyskalkulie haben auch weitere Lernstörungen wie Legasthenie oder ADHS. Eine umfassende Abklärung ist deshalb wichtig.
Ab wann sollte ich mein Kind abklären lassen? Wenn Ihr Kind ab Ende der ersten Klasse anhaltende Schwierigkeiten im Rechnen zeigt, trotz Übung keine Fortschritte macht und Vermeidungsverhalten entwickelt, sollten Sie eine Abklärung in Erwägung ziehen.
Übernimmt die Krankenkasse die Therapiekosten? In der Schweiz übernehmen Krankenkassen die Kosten für Dyskalkulie-Therapie in der Regel nicht. Je nach Kanton gibt es jedoch Unterstützung durch Jugendämter oder über das Bildungspaket. Informieren Sie sich bei Ihrer Gemeinde.
Fazit: Mit der richtigen Unterstützung zum Erfolg
Dyskalkulie ist eine Herausforderung, aber kein Hindernis für ein erfolgreiches Leben. Wichtig ist, die Rechenschwäche frühzeitig zu erkennen und mit qualifizierter Förderung anzugehen. Ihr Kind ist nicht „dumm" – es braucht einfach einen anderen Zugang zur Mathematik.
Mit Geduld, den richtigen Strategien und professioneller Unterstützung kann Ihr Kind mathematische Kompetenzen entwickeln und Selbstvertrauen gewinnen. Scheuen Sie sich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen – je früher, desto besser.
Weiterführende Anlaufstellen:
- Kinderspital Zürich – Zentrum für MR-Forschung
- Verband Dyslexie Schweiz
- Luzerner Psychiatrie (LUPS)
- HfH Zürich – Institut für Lernen unter erschwerten Bedingungen
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